Veranstaltung

Innsbruck - Salzburg - Wien und die Umstellung auf den Bologna-Prozess

In der Veranstaltungsreihe "Die Zukunft der Politikwissenschaft" diskutierten am 19. Oktober 2007 Erna M. Appelt, Johann Dvorák, Franz Kok, Matthias Falter und Helmut Breitmeier über den Bologna-Prozess. Christine Klapeer moderierte den Round Table.

Ziel dieser Veranstaltung war es zunächst die drei Studienprogrammleiter aus Innsbruck, Salzburg und Wien an einen runden Tisch zu bringen und sie über ihre Erfahrungen mit der Umstellung auf BA- und MA-Studiengänge berichten zu lassen. Diese österreichische Innensicht sollte durch einen Erfahrungsbericht aus Deutschland komplementiert und durch eine studentische Sicht kritisch diskutiert werden. Nach der äußerst kurzfristigen Absage von Gerhard Mangott, Studienprogrammleiter in Innsbruck, konnte dankenswerter Weise Prof. Erna Appelt als Vertreterin des Standortes einspringen. Erna Appelt wies der „Umstellung“ in fachlicher Hinsicht kein allzu große Bedeutung zu, da die Inhalte aus den alten Studienplänen einfach unter einen neuen Label verkauft werden. Die Studieneingangsphase des im WS 2007 erstmals gestarteten BAs wird gemeinsam mit der Soziologie betrieben. Der MA Studiengang soll im WS 2008 beginnen. Die Salzburger hingegen befinden sich bereits im zweiten Jahr der Bologna Architektur. Dr. Franz Kok, Vorsitzender der Curricularkommission Politikwissenschaft und Studienprogrammleiter, konnte vor allem über ein positives Feedback seitens der Studierenden berichten. In Salzburg wird Mobilität innerhalb der BAs und MAs sehr groß geschrieben. Über die Hälfte der Studierenden haben ein  (oder mehrere) Auslandssemester absolviert.  


Wien ist genauso wie Innsbruck im WS 2007 mit dem Bachelor gestartet. Dr. Johann Dvorák, Studienprogrammleiter am Institut für Politikwissenschaft, strich vor allem die äußerst Anspruchsvolle Studieneingangsphase hervor, die gemeinsam mit allen sozialwissenschaftlichen Studienrichtungen absolviert wird. Dvorák äußerte sich aber zugleich sehr kritisch, indem er Bologna als „irreale Wunschprojektion seitens der Ministerien“ outete und durch die Umstellung „eine massenhafte Ausweitung der Menschen mit minderen Studienabschluss“ heraufbeschworen sieht.  Mag. Matthias Falter, bis Juni 2007 gewählter Mandatar der STRV Politikwissenschaft und in dieser Funktion Mitglied der Curricular-Arbeitsgruppe Politikwissenschaft, ging in seinen Statement über das praktischen Umstellungsprozedere hinaus und stellte die Ausschlussmechanismen Gender, Class und Race im Bildungssystem zur Debatte. Bildung wird durch Bologna „als Ausbildung reduziert“ und „Ausbildung selbst wird zum Privileg“. Durch die starke Modularisierung der Studiengänge werden die individuellen Freiheiten des Studiums und der Studierenden eingeschränkt.  


Durch diese Überleitung konnte die Moderatorin des Abends, Christine Klapper, gleich den zweiten Fragenkomplex „Kritik an Bologna“ ans Podium übergeben. Der Vertreter aus Deutschland, Dr. Helmut Breitmeier, konnte berichten, dass an seiner Universität, der TU Darmstadt, bereits an der Reform der Reform gearbeitet wird. Die TU Darmstadt hat als eine der ersten Universitäten Deutschlands bereits 2001 BA und MA Studiengänge eingeführt. Breitmeier sieht Bologna als enorme Chance, aber nur unter bestimmten Bedingungen: a) wenn die „alten“ Fehler nicht wiederholt werden (keine klaren Strukturen; mangelnde Internationalität); b) wenn es zu einer Entrümpelung der Studienpläne kommt und c) wenn genügend Berufs- und Praxiserfahrungen während des Studiums gesammelt werden können. Breitmeier merkt jedoch an, dass die Universitäten „nicht hinreichend ausgestattet sind, um die vielfältigen Managementaufgaben im Rahmen von Bologna auszuführen“. 


Franz Kok versteht die ganze Aufregung um Bologna nicht, da z.B. die Einführung des Vollstudiums in Salburg im Jahr 2000 viel größere Reformauswirkungen hatte. Die Kritik  an Bologna erinnert ihn an seine eigene Kritik an der Einführung des Diplomstudiums in den 80er Jahren.  Johann Dvorák sieht durch die Ausrichtung des Studiums auf den Arbeitsmarkt die Gefahr einer „Industrialisierung der Universitäten“. Viel ernster sollte man hingegen die Wissenschaftlichkeit bzw. die Ausbildung der WissenschafterInnen nehmen.  


Diesem Argument konnte Matthias Falter nur noch hinzufügen, dass über Aufnahmebeschränkungen zwischen dem BA und MA Studiengang „laut“ nachgedacht wird. Die Möglichkeit nach nicht mehr als sechs Semestern seine Fachidentität zu wechseln, kann dabei natürlich als interdisziplinäre Chance aber gleichzeitig auch als Gefahr für die solide Ausbildung von PolitikwissenschafterInnen gesehen werden. 


Auf die Frage aus dem Publikum nach den geplanten inhaltlichen Ausrichtungen der MA Studiengänge, wiesen die Standortvertreter aus Innsbruck und Salzburg vor allem auf einen MA zu „Europäischer Integration“ oder „EU Studies“ hin – Johann Dvorák hingegen betonte, dass das Ziel in Wien ein „breiter“ Abschluss sowohl auf BA als auch auf MA Level ist.  

[erschienen im Rundbrief 4/2007 der Österreichische Gesellschaft für Politikwissenschaft (ÖGPW), ISSN 1998-5835] 

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